„Die Jahre zwischen fünfzig und sechzig sind hart, weil man versucht, an einem früheren Ich festzuhalten und gleichzeitig mit ihm zu konkurrieren.“
Dieser Satz wird Jodie Foster zugeschrieben, und unabhängig davon, ob sie ihn tatsächlich genau so gesagt hat, blieb ich daran hängen. Nicht wegen der Zahl. Zahlen wirken ohnehin erstaunlich willkürlich, sobald man selbst beginnt, sich in ihrer Nähe zu bewegen. Mich beschäftigte vielmehr der Gedanke dahinter: dass eine Lebensphase möglicherweise nicht deshalb anstrengend wird, weil etwas verschwindet, sondern weil etwas Neues auftaucht, das noch keine erkennbare Form hat.

Vielleicht ähnelt der Übergang ins dritte Lebensalter in manchen Momenten tatsächlich der Pubertät – allerdings mit einem merkwürdigen Unterschied. In jungen Jahren liegt das Unbekannte vor einem. Man sucht nach dem, was werden könnte, probiert aus, verwirft wieder, erfindet sich neu und hat gleichzeitig das Gefühl, dass noch unendlich viel Zeit vorhanden ist.
Später im Leben scheint die Bewegung eine andere zu sein. Man beginnt nicht nur etwas Neues zu suchen, sondern verabschiedet sich zugleich von etwas Vertrautem. Und manchmal merkt man erst in diesem Moment, wie sehr man mit bestimmten Rollen verwachsen war.
Über viele Jahre beantworten wir die Frage „Wer bist du?“ beinahe automatisch. Die Antwort enthält Berufe, Tätigkeiten, Aufgaben und Fähigkeiten. Nicht, weil wir nur daraus bestehen würden, sondern weil diese Dinge unserem Leben Struktur geben. Sie bestimmen, womit wir unsere Zeit verbringen, worüber wir nachdenken, mit welchen Menschen wir in Kontakt kommen und woran wir uns messen.
Erst wenn ein Teil davon wegfällt, entsteht plötzlich eine eigentümliche Leerstelle.
Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr tun, was wir jahrzehntelang getan haben?
Die Frage wirkt zunächst erstaunlich theoretisch, bis man bemerkt, dass sie sich im Alltag an ganz kleinen Dingen festmacht. Plötzlich fragt man sich, ob die eigenen Qualifikationen auf einer persönlichen Website überhaupt noch eine Rolle spielen. Ob sie noch etwas über die Person aussagen, die man heute ist. Oder ob sie eher etwas über jemanden erzählen, der man lange Zeit gewesen ist.
Vielleicht liegt die eigentliche Schwierigkeit darin, dass wir an dieser Stelle etwas wissen möchten, das sich noch gar nicht wissen lässt.
Denn woher soll ich wissen, wer ich sein werde, wenn ich gerade erst beginne, jemand anderes zu werden?
Vielleicht versuchen wir in solchen Übergängen oft zu früh, eine fertige Antwort zu finden. Vielleicht behandeln wir Identität wie etwas, das man einmal entdeckt und anschließend besitzt. Als gäbe es irgendwo ein stabiles, endgültiges Selbst, auf das man nur lange genug warten müsste.
Ich bin mir inzwischen nicht mehr sicher, ob das wirklich so funktioniert.
Vielleicht besteht Identität weniger aus etwas Festem als aus einer fortlaufenden Bewegung. Vielleicht geht es nicht darum, eine endgültige Version seiner selbst zu finden. Vielleicht geht es eher darum, immer wieder neu herauszufinden, welche Teile von uns mehr Raum bekommen möchten – und welche wir langsam verabschieden dürfen.
Und vielleicht macht genau das diese Lebensphase gleichzeitig anstrengend und spannend: dass man nicht mehr der Mensch ist, der man einmal war, und gleichzeitig noch nicht genau weiß, wer man gerade wird.




0 Comments