Wenn Resonanzräume verschwinden

Drittes Lebensalter, Resonanz

Über die leisen Verluste des Lebens und die Suche nach neuen Orten, an denen etwas in uns antwortet

Manchmal erkennen wir die Bedeutung eines Menschen, einer Tätigkeit oder einer Fähigkeit erst in dem Moment wirklich, in dem sie nicht mehr Teil unseres Lebens ist und wir bemerken, dass etwas, das lange selbstverständlich schien, plötzlich fehlt.

Wenn ein Mensch stirbt, verschwindet oft weit mehr als nur seine physische Anwesenheit, denn mit ihm gehen auch bestimmte Gespräche verloren, ein gemeinsamer Humor, vertraute Rituale, geteilte Erinnerungen und eine besondere Art, die Welt zu betrachten, die sich nicht einfach durch andere Beziehungen ersetzen lässt.

Ähnlich kann es sein, wenn ein nahestehender Mensch dement wird und dadurch zwar körperlich anwesend bleibt, sich aber die gemeinsame Welt, die über Jahre oder Jahrzehnte entstanden ist, allmählich verändert und an manchen Stellen sogar auflöst.

Die vertrauten Gespräche werden schwieriger, gemeinsame Erinnerungen verlieren ihre Selbstverständlichkeit, und manches, was früher wie ein fester Bezugspunkt zwischen zwei Menschen wirkte, wird zunehmend unsicher oder unerreichbar.

Was dabei verloren geht, ist nicht nur eine bestimmte Form von Kommunikation, sondern häufig auch die Erfahrung, sich von einem anderen Menschen verstanden, gespiegelt und geistig erreicht zu fühlen.

Solche Erfahrungen gehören zum menschlichen Leben, und doch sprechen wir erstaunlich selten über das, was sie auf einer tieferen Ebene bedeuten.

Vielleicht liegt das daran, dass wir Verluste meist an ihren sichtbaren Formen erkennen und benennen, während die weniger greifbaren Veränderungen oft namenlos bleiben.

Wir sagen, dass wir einen Menschen verloren haben, eine Tätigkeit aufgeben mussten oder eine Fähigkeit nicht mehr besitzen, doch viel seltener sprechen wir darüber, dass mit diesen Verlusten häufig auch ein Resonanzraum verschwindet.

Ein Ort, an dem die Welt auf eine bestimmte Weise auf uns geantwortet hat.

Was Resonanz eigentlich bedeutet

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt Resonanz als eine besondere Form der Beziehung zur Welt, in der wir uns berühren lassen und zugleich selbst antworten können, sodass zwischen uns und etwas außerhalb von uns eine lebendige Verbindung entsteht.

Dabei handelt es sich weder um einen dauerhaften Zustand des Glücks noch um eine ununterbrochene Harmonie, denn Resonanz kann ebenso in Momenten der Herausforderung, des Staunens oder sogar der Irritation entstehen.

Sie zeigt sich immer dort, wo etwas in uns anklingt und eine Antwort hervorruft, die sich nicht vollständig planen oder herstellen lässt.

Ein Gespräch kann Resonanz auslösen, ebenso ein Musikstück, ein Buch, eine Landschaft, eine Tätigkeit oder die Begegnung mit einem anderen Menschen.

Das Entscheidende ist dabei nicht das Objekt selbst, sondern die Beziehung, die zwischen ihm und uns entsteht, denn zwei Menschen können dieselbe Musik hören oder denselben Weg durch einen Wald gehen, ohne dass beide dieselbe Erfahrung machen.

Resonanz ist deshalb nie eine Eigenschaft der Welt allein, sondern immer eine Eigenschaft der Beziehung zwischen Mensch und Welt.

Gerade deshalb verschwinden Resonanzräume oft unbemerkt, weil sich äußerlich zunächst kaum etwas verändert hat und dennoch etwas Wesentliches anders geworden ist.

Die Musik existiert weiterhin, der Wald steht noch an seinem Platz, die Bücher bleiben im Regal, und doch ist die Verbindung, die einst etwas in uns zum Schwingen brachte, schwächer geworden oder ganz verschwunden.

Man könnte deshalb sagen, dass bei vielen Verlusten nicht der Ort verschwindet, sondern die Antwort, die wir dort einst erfahren haben.

Der Beruf als Resonanzraum

Wenn Menschen über den Übergang in den Ruhestand sprechen, stehen häufig Fragen nach Zeit, Tagesstruktur oder finanzieller Sicherheit im Vordergrund, weil diese Aspekte leicht benennbar und gesellschaftlich anerkannt sind.

Doch hinter diesen Themen verbirgt sich oft eine tiefere Erfahrung, die weniger sichtbar ist und deshalb leicht übersehen wird.

Für viele Menschen war der Beruf über Jahrzehnte hinweg nicht nur eine Erwerbstätigkeit, sondern zugleich ein Resonanzraum, in dem sie sich wirksam, gebraucht und mit der Welt verbunden erleben konnten.

Dort wurden Fähigkeiten eingesetzt, Erfahrungen hatten Bedeutung, Entscheidungen hatten Folgen, und das eigene Handeln löste Reaktionen bei anderen Menschen aus.

Man musste den eigenen Beruf nicht einmal besonders lieben, damit er Resonanz erzeugte, denn häufig genügte bereits die Erfahrung, Teil eines Zusammenhangs zu sein, in dem das eigene Tun eine Rolle spielte.

Wer morgens aufstand und wusste, dass seine Anwesenheit für andere Menschen, für ein Projekt oder für eine Aufgabe von Bedeutung war, erlebte eine Form von Antwort aus der Welt, die weit über die eigentliche Tätigkeit hinausging.

Wenn diese Welt eines Tages wegfällt, entsteht deshalb oft ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt und das mit Langeweile oder fehlender Beschäftigung allein nicht ausreichend erklärt werden kann.

Verloren geht dann nicht nur eine Arbeit, sondern auch ein Ort, an dem etwas zurückgeklungen hat und an dem man sich selbst als Teil einer lebendigen Beziehung zur Welt erfahren konnte.

Die vielen anderen Abschiede

Der Verlust beruflicher Resonanz ist jedoch nur eine von vielen Erfahrungen dieser Art, denn im Laufe eines Lebens verändert sich die Landschaft unserer Resonanzräume immer wieder.

Freundschaften enden, Menschen ziehen fort, Lebenswege entwickeln sich auseinander, und manche Menschen sterben, während andere sich so stark verändern, dass die gemeinsame Welt, die einst selbstverständlich war, nicht mehr existiert.

Vielleicht gab es jemanden, den man jederzeit anrufen konnte und bei dem wenige Sätze genügten, um verstanden zu werden.

Vielleicht gab es Gespräche, die nicht an der Oberfläche blieben, sondern Gedanken, Erinnerungen und Fragen berührten, die mit kaum jemand anderem geteilt wurden.

Wenn ein solcher Mensch fehlt, verschwindet nicht nur eine Beziehung, sondern auch ein Raum des Denkens und Erlebens, der mit dieser Beziehung verbunden war.

Etwas Ähnliches geschieht, wenn körperliche Fähigkeiten verloren gehen und dadurch Tätigkeiten unmöglich werden, die lange Zeit Teil der eigenen Identität waren.

Ein Bergwanderer kann irgendwann nicht mehr aufsteigen wie früher, eine Tennisspielerin muss verletzungsbedingt aufhören, ein Musiker hört schlechter, und eine begeisterte Leserin braucht immer mehr Unterstützung, um Texte zu erfassen.

Von außen betrachtet erscheinen solche Veränderungen oft als funktionale Einschränkungen, die sich sachlich beschreiben lassen.

Von innen erlebt können sie sich jedoch anfühlen, als würde sich eine Tür schließen, durch die man jahrzehntelang in Beziehung zur Welt getreten ist.

Denn der Berg war nie nur ein Berg, das Instrument nie nur ein Instrument, und das Lesen war nie lediglich die Aufnahme von Informationen.

All diese Dinge waren zugleich Wege, auf denen die Welt antwortete.

Wenn die Welt leiser wird

Besonders eindrücklich sind jene Verluste, die sich nicht plötzlich ereignen, sondern langsam und beinahe unmerklich in das eigene Leben einschleichen.

Die Sehfähigkeit lässt nach, das Gehör wird schwächer, die Beweglichkeit nimmt ab, und zunächst scheint jede einzelne Veränderung so gering zu sein, dass sie kaum Aufmerksamkeit verdient.

Erst über längere Zeiträume hinweg wird sichtbar, dass sich dadurch nicht nur einzelne Fähigkeiten verändern, sondern die gesamte Art und Weise, wie wir der Welt begegnen.

Wer schlechter hört, verliert nicht lediglich akustische Informationen, sondern erlebt oft, dass Gespräche in größeren Gruppen anstrengender werden, spontane Bemerkungen verloren gehen und soziale Situationen mehr Energie verlangen als früher.

Wer schlechter sieht, verliert nicht nur Sehschärfe, sondern manchmal auch einen Teil jener unmittelbaren Beziehung zu Kunst, Natur oder Literatur, die über Jahrzehnte hinweg selbstverständlich war.

Die Welt wird dadurch nicht unzugänglich, doch sie wird an manchen Stellen schwerer erreichbar und verlangt mehr Anstrengung, um dieselbe Nähe herzustellen.

Vielleicht liegt ein Teil des Schmerzes gerade darin, dass diese Veränderungen selten eindeutig sind und sich deshalb nur schwer betrauern lassen.

Man lebt weiter, erfüllt seine Aufgaben und führt sein Leben fort, während sich gleichzeitig die Erfahrung verändert, wie die Welt auf einen antwortet.

Die Trauer um das, was niemand sieht

Viele dieser Erfahrungen tragen eine stille Form von Trauer in sich, die selten offen ausgesprochen wird, weil ihr Gegenstand schwer zu benennen ist.

Es handelt sich oft nicht um die große Trauer eines dramatischen Einschnitts, sondern um eine leise Melancholie, die sich über längere Zeiträume hinweg bemerkbar macht.

Man spürt, dass etwas fehlt, ohne sofort sagen zu können, was genau verloren gegangen ist.

Vielleicht fehlt uns deshalb häufig die Sprache für Resonanzverluste.

Es ist gesellschaftlich nachvollziehbar zu sagen, dass man einen Freund vermisst.

Wesentlich schwieriger ist es auszudrücken, dass man die besondere Art von Gespräch vermisst, die nur mit diesem Menschen möglich war.

Ebenso leicht lässt sich sagen, dass man keinen Sport mehr ausüben kann.

Sehr viel schwerer ist es zu beschreiben, dass man die Erfahrung vermisst, sich in dieser Tätigkeit lebendig, verbunden oder ganz bei sich selbst gefühlt zu haben.

Doch genau dort liegt oft der eigentliche Schmerz.

Nicht das äußere Ereignis allein verletzt uns, sondern die Veränderung unserer Beziehung zur Welt.

Warum wir neue Resonanzräume brauchen

Vielleicht gehört es zum Älterwerden, nicht nur einzelne Verluste zu erleben, sondern allmählich zu erkennen, dass Resonanzräume grundsätzlich vergänglich sind und sich im Laufe des Lebens immer wieder verändern.

Sie entstehen oft unerwartet, begleiten uns über Jahre oder Jahrzehnte und verschwinden schließlich, manchmal langsam und manchmal abrupt.

Das klingt zunächst traurig, doch gleichzeitig enthält diese Beobachtung auch eine andere Wahrheit.

Menschen besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, neue Resonanzräume zu entdecken, selbst dann, wenn sie lange geglaubt haben, dass die wichtigsten bereits hinter ihnen liegen.

Diese neuen Räume entstehen allerdings selten als Ersatz für das Verlorene.

Sie sind keine Kompensation und keine Wiederholung.

Vielmehr eröffnen sie neue Formen von Beziehung zur Welt.

Ein Mensch, der seinen Beruf hinter sich gelassen hat, entdeckt vielleicht eine Leidenschaft für Geschichte, Literatur oder Naturbeobachtung.

Eine ehemalige Sportlerin findet plötzlich Freude am Schreiben.

Ein Witwer beginnt, sich für Musik zu interessieren, die ihn früher nie berührt hätte.

Eine Frau, die nicht mehr reisen kann, erlebt in Gesprächen mit jüngeren Menschen eine Form geistiger Bewegung, die sie zuvor nicht erwartet hätte.

Nichts davon ersetzt das Verlorene, und gerade deshalb kann daraus etwas Eigenständiges entstehen.

Resonanz entsteht selten dort, wo wir Vergangenes zurückholen wollen, sondern häufiger dort, wo wir bereit sind, uns auf etwas einzulassen, dessen Bedeutung wir noch nicht kennen.

Die Schwierigkeit des Suchens

Gleichzeitig gehört zu dieser Erfahrung eine Schwierigkeit, die sich nicht umgehen lässt, denn neue Resonanzräume lassen sich weder planen noch gezielt herstellen.

Man kann sich nicht vornehmen, von einem bestimmten Buch berührt zu werden, sich in eine neue Tätigkeit zu verlieben oder eine Begegnung zu erleben, die das eigene Leben verändert.

Resonanz entzieht sich dem direkten Zugriff.

Deshalb kennen viele Menschen jene Phasen, in denen die alten Resonanzräume nicht mehr tragen und die neuen noch nicht sichtbar geworden sind.

Die Welt wirkt dann merkwürdig still, als hätte sie ihre Antwort vorübergehend eingestellt.

Solche Zeiten werden oft als Leere erlebt, doch vielleicht gehören sie unvermeidlich zu jedem Wandel.

Bevor eine neue Beziehung zur Welt entstehen kann, muss die alte manchmal ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

Die Kunst, ansprechbar zu bleiben

Vielleicht besteht eine der wichtigsten Fähigkeiten des Lebens deshalb nicht darin, Resonanz festzuhalten, sondern darin, ansprechbar zu bleiben, obwohl vieles sich verändert.

Ansprechbar für neue Erfahrungen, neue Menschen, neue Fragen und neue Formen der Begegnung mit der Welt.

Nicht weil jede Veränderung automatisch bereichernd wäre, sondern weil Resonanz nur dort entstehen kann, wo eine gewisse Offenheit erhalten bleibt.

Dazu gehört möglicherweise die Bereitschaft, auch in Zeiten der Unsicherheit weiter hinzuhören und weiter wahrzunehmen, selbst wenn noch keine Antwort zu hören ist.

Denn Resonanz lässt sich nicht erzwingen.

Aber vielleicht können wir lernen, die Bedingungen nicht vorschnell zu verschließen, unter denen sie entstehen könnte.

Die Landschaft des Lebens

Vielleicht verändert sich das Leben weniger dadurch, dass einzelne Dinge verschwinden, als dadurch, dass sich die gesamte Landschaft unserer Resonanzräume im Laufe der Jahre wandelt.

Einige dieser Räume bleiben lange erhalten, andere brechen überraschend weg, wieder andere verlieren langsam ihre Bedeutung, während neue an Orten entstehen, an denen wir sie nie gesucht hätten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht, welche Resonanzräume wir verloren haben, sondern ob wir noch damit rechnen, dass neue entstehen können.

Ob wir der Welt noch zutrauen, uns zu überraschen.

Und ob wir uns selbst zutrauen, auf diese Überraschung zu antworten.

Denn möglicherweise endet Resonanz nicht dort, wo etwas verloren geht, sondern beginnt gerade dort eine andere, stillere und oft anspruchsvollere Form der Beziehung zur Welt, in der wir lernen, auf neue Antworten zu hören, die wir früher vielleicht übersehen hätten.

Über die Autorin

Silke Hupka interessiert sich seit vielen Jahren für die Schnittstellen zwischen Mensch, Lernen und Denken. In Neugierig weiter sammelt sie Gedanken, Fragen und Beobachtungen über eine Lebensphase, in der Termine weniger werden – die Neugier aber nicht. Neugierig, mehr über die Autorin zu erfahren? Hier, bitte!

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Der Beruf geht. Das Hirn bleibt.

Irgendwann endet das Berufsleben.

Termine verschwinden aus dem Kalender. Projekte werden abgeschlossen. E-Mails bleiben aus. Niemand wartet mehr auf Entscheidungen, Konzepte oder Lösungen.

Man könnte meinen, jetzt würde Ruhe einkehren.

Aber manche Dinge halten sich nicht an Zeitpläne.

Das Hirn zum Beispiel.

Es stellt weiterhin Fragen. Verknüpft Gedanken. Beginnt beim Frühstück mit einer kleinen Beobachtung und landet Stunden später bei einem völlig anderen Thema. Es sucht Zusammenhänge, verliert sich in Ideen, entdeckt neue Interessen und beschäftigt sich mit Dingen, die vielleicht nie einen praktischen Nutzen haben werden.

Dieses Blog ist für Menschen, die feststellen, dass mit dem Ruhestand zwar ein Beruf endet – aber nicht die Neugier.

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