Was mir geholfen hat, im Ruhestand anzukommen

Drittes Lebensalter, Resonanz

Als der Ruhestand begann, war zunächst weniger die frei gewordene Zeit das Problem als die Frage, in welcher inneren Ordnung diese Zeit überhaupt stehen sollte. Von außen betrachtet schien vieles einfach zu sein: keine beruflichen Verpflichtungen mehr, keine Termine, die sich aus einer Institution heraus ergaben, keine Erwartungen, die morgens schon vor einem selbst wach waren. Aber gerade diese Entlastung machte sichtbar, wie stark das berufliche Leben nicht nur aus Arbeit bestanden hatte, sondern aus einem Geflecht von Rollen, Rhythmen, Rückmeldungen, Fremd- und Selbstzuschreibungen, aus kleinen Selbstverständlichkeiten also, die man während ihres Bestehens kaum bemerkt, weil sie den Alltag so zuverlässig strukturieren, dass sie nicht als Struktur erscheinen.

Ich hatte mir den Ruhestand lange als Befreiung vorgestellt, und das war er auch, nur eben nicht in der einfachen Form, in der man Befreiung manchmal denkt: als Wegfall von Belastung, nach dem sich von selbst zeigt, was nun beginnen kann. Tatsächlich entstand zunächst ein Zwischenraum, in dem vieles möglich war, aber wenig notwendig, und gerade dieses Wenige an Notwendigkeit hatte etwas Irritierendes. Es fehlte nicht einfach Beschäftigung, sondern eine Verbindung zwischen dem, was gewesen war, und dem, was noch werden konnte. Ich merkte, dass ich nicht irgendeine neue Tätigkeit suchte, sondern eine Form, in der sich die eigene Vergangenheit nicht wie ein abgeschlossener Bestand anfühlte, sondern wie Material, das noch einmal anders lesbar werden konnte.

Deshalb begann ich nicht mit der Frage, was man im Ruhestand alles tun könnte, weil diese Frage zwar offen klingt, aber in ihrer Offenheit leicht ins Beliebige führt. Ich begann eher damit, auf meine Vergangenheit zu schauen, nicht nostalgisch, sondern untersuchend, fast wie auf ein Gelände, in dem Spuren liegen, die nicht alle gleich wichtig sind. Was hatte mich über längere Zeit wirklich beschäftigt, auch dann, wenn es beruflich nicht ausdrücklich im Vordergrund stand? Welche Themen waren immer wieder aufgetaucht, in Gesprächen, in Büchern, in Konflikten, in Momenten besonderer Wachheit? Wo hatte ich nicht nur funktioniert, sondern gedacht, gesucht, verbunden, unterschieden, mich festgebissen, ohne dass mir jemand einen Auftrag dazu gegeben hätte?

Aus dieser Betrachtung ergab sich kein fertiger Plan, eher eine Art innerer Kartierung. Es zeigte sich, dass meine berufliche Vergangenheit, meine Ausbildung, meine Interessen an Lernen, Entwicklung, Identität, Resonanz, Kommunikation und menschlicher Widersprüchlichkeit nicht einfach erledigt waren, nur weil der organisatorische Rahmen, in dem ein Teil davon stattgefunden hatte, weggefallen war. Zugleich war klar, dass ich nicht die alte Form zurückhaben wollte. Der Ruhestand sollte nicht zur Fortsetzung der Arbeit unter anderem Namen werden, nicht zu einer heimlichen Rekonstruktion dessen, wovon ich mich gerade gelöst hatte. Wenn etwas Neues entstehen sollte, musste es mit der Vergangenheit verbunden sein, ohne von ihr beherrscht zu werden.

Der zweite Blick galt deshalb nicht den Themen, sondern der Form. Welche Art von Tätigkeit wäre im Ruhestand überhaupt stimmig? Dabei wurde mir deutlich, dass nicht nur der Inhalt einer Tätigkeit darüber entscheidet, ob sie passt, sondern mindestens ebenso sehr ihre Rahmenbedingungen. Ich wollte arbeiten können, wenn ich mich danach fühlte, und Pause machen können, wenn mir danach war. Ich wollte einen Rhythmus, der nicht von außen diktiert wurde, sondern aus der eigenen Energie, der eigenen Neugier, der eigenen Konzentrationsfähigkeit entstehen durfte. Ich wollte keine dauernde Verfügbarkeit, keine festen Erwartungen, keine Abhängigkeit von Anerkennungsschleifen, die schnell wieder eine neue Pflichtlandschaft errichten. Die Tätigkeit sollte ernsthaft sein, aber nicht verpflichtend im alten Sinn; verbindlich im Denken, aber beweglich in der Ausführung.

In dieser Unterscheidung lag für mich mehr Klärung, als ich zunächst erwartet hatte. Denn viele Möglichkeiten, die auf den ersten Blick attraktiv wirkten, verloren an Stimmigkeit, sobald ich ihre Bedingungen mitdachte. Manche hätten zu viel organisatorische Bindung erzeugt, manche zu viel soziale Abstimmung, manche zu viel Regelmäßigkeit, manche zu viel Außenorientierung. Andere waren zu privat, zu folgenlos, zu wenig in Beziehung gesetzt zu dem Bedürfnis, Gedanken nicht nur zu haben, sondern sie in eine Form zu bringen, in der sie sichtbar, prüfbar und anschlussfähig werden. Es ging also nicht nur darum, etwas zu finden, das mich interessierte, sondern etwas, das sowohl zu meiner Geschichte als auch zu meiner neuen Lebensform passte.

Aus der Schnittmenge dieser beiden Suchbewegungen entstanden mögliche Projekte. Nicht als endgültige Lebensentwürfe, sondern als Versuche mit begrenztem Risiko. Ich begann, Ideen zu konzeptionieren, sie innerlich zu prüfen, sie teilweise umzusetzen, sie wieder zu verändern, sie nebeneinander zu legen wie Skizzen auf einem Tisch. Dabei war wichtig, dass diese Projekte nicht sofort beweisen mussten, dass sie die richtige Antwort waren. Sie durften vorläufig sein. Sie durften sich bewähren oder auch nicht. Diese Vorläufigkeit nahm ihnen nicht ihre Bedeutung, sondern machte sie überhaupt erst möglich, weil sie nicht den Anspruch hatten, die neue Identität abschließend festzulegen.

Eines dieser Projekte ist dieser Blog. Er verbindet vieles, was in meinem Leben bereits vorhanden war: das Interesse an Denken und Sprache, an psychologischen und sozialen Zusammenhängen, an der Frage, wie Menschen sich selbst und andere verstehen, an Übergängen, Brüchen, Suchbewegungen und Resonanzen. Zugleich erfüllt er Rahmenbedingungen, die für mich im Ruhestand wichtig geworden sind. Ich kann schreiben, wenn ein Gedanke Druck bekommt, und schweigen, wenn er noch nicht reif ist. Ich kann Themen aufnehmen, ohne sie sofort in ein fremdes Format pressen zu müssen. Ich kann etwas veröffentlichen, ohne daraus ein System von ständiger Produktion machen zu müssen. Der Blog ist Arbeit, aber eine Arbeit, die nicht mehr aus einem Amt kommt, sondern aus einer selbst gewählten Aufmerksamkeit.

Interessanterweise hat bereits die Konzeption und Erprobung dieser Projekte etwas verändert, obwohl die Evaluation noch nicht abgeschlossen ist. Es ist noch nicht entschieden, welche Projekte bleiben, welche sich verändern, welche sich als weniger tragfähig erweisen werden, als sie im ersten Entwurf schienen. Aber das Gefühl, im Ruhestand angekommen zu sein, hängt offenbar nicht erst daran, dass eine endgültige Form gefunden wurde. Es entstand schon dadurch, dass eine Verbindung sichtbar wurde: zwischen dem, was einmal wichtig war, dem, was weiterhin lebendig ist, und dem, was unter den Bedingungen des Ruhestands möglich werden kann. Ankommen bedeutete in diesem Sinn nicht, einen festen Platz einzunehmen, sondern eine Bewegungsform zu finden, in der Vergangenheit und Zukunft nicht mehr auseinanderfallen.

Vielleicht war gerade diese Verschiebung entscheidend: Der Ruhestand musste nicht als leerer Raum gefüllt werden, und er musste auch nicht als Bruch bewältigt werden, nach dem ein völlig neues Selbst zu entwerfen wäre. Er konnte als Übergang verstanden werden, in dem sich zeigt, welche Teile der eigenen Geschichte eine andere Zukunftsfähigkeit besitzen, wenn sie aus alten Verpflichtungen herausgelöst werden. Nicht alles, was früher wichtig war, muss fortgesetzt werden, aber manches kann in verwandelter Form wiederkehren. Nicht als Wiederholung, sondern als Fortführung unter anderen Bedingungen.

So betrachtet ist der Ruhestand weniger ein Zustand als ein längerer Übersetzungsvorgang. Etwas, das in einem beruflichen Zusammenhang Sinn hatte, muss in eine Lebensform übertragen werden, in der Sinn nicht mehr durch Funktion, Zuständigkeit oder institutionelle Zugehörigkeit gestützt wird. Diese Übersetzung gelingt nicht automatisch, weil sie verlangt, zwischen Inhalt und Form zu unterscheiden, zwischen Interessen und Verpflichtungen, zwischen echter Lebendigkeit und bloßer Gewohnheit, zwischen dem Wunsch, gebraucht zu werden, und dem Wunsch, etwas entstehen zu lassen, das auch ohne äußeren Druck Bedeutung hat.

Was mir geholfen hat, war also nicht ein einzelner Entschluss, sondern ein genaueres Hinsehen: auf die Vergangenheit, auf die gewünschten Bedingungen der Gegenwart und auf die möglichen Linien in die Zukunft. Der Prozess ist nicht abgeschlossen, und vermutlich wäre es auch seltsam, wenn er es wäre. Über die weitere Entwicklung werde ich hier im Blog berichten, nicht als fertige Lehre über den Ruhestand, sondern als fortlaufende Beobachtung eines Übergangs, der erst im Gehen erkennbar macht, welche Form er annehmen kann.

Über die Autorin

Silke Hupka interessiert sich seit vielen Jahren für die Schnittstellen zwischen Mensch, Lernen und Denken. In Neugierig weiter sammelt sie Gedanken, Fragen und Beobachtungen über eine Lebensphase, in der Termine weniger werden – die Neugier aber nicht. Neugierig, mehr über die Autorin zu erfahren? Hier, bitte!

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Der Beruf geht. Das Hirn bleibt.

Irgendwann endet das Berufsleben.

Termine verschwinden aus dem Kalender. Projekte werden abgeschlossen. E-Mails bleiben aus. Niemand wartet mehr auf Entscheidungen, Konzepte oder Lösungen.

Man könnte meinen, jetzt würde Ruhe einkehren.

Aber manche Dinge halten sich nicht an Zeitpläne.

Das Hirn zum Beispiel.

Es stellt weiterhin Fragen. Verknüpft Gedanken. Beginnt beim Frühstück mit einer kleinen Beobachtung und landet Stunden später bei einem völlig anderen Thema. Es sucht Zusammenhänge, verliert sich in Ideen, entdeckt neue Interessen und beschäftigt sich mit Dingen, die vielleicht nie einen praktischen Nutzen haben werden.

Dieses Blog ist für Menschen, die feststellen, dass mit dem Ruhestand zwar ein Beruf endet – aber nicht die Neugier.

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