„Altern ist ein besonderer Prozess, bei dem du der Mensch wirst, der du schon immer hättest sein sollen.“
Dieser Satz wird David Bowie zugeschrieben, und unabhängig davon, ob er ihn tatsächlich gesagt hat oder nicht, gefällt mir der Gedanke dahinter. Er beschreibt Älterwerden nicht als einen Weg des Verlusts, sondern eher als einen Prozess des Sichtbarwerdens – als würde mit den Jahren etwas hervortreten, das vielleicht schon lange da war, aber unter vielen anderen Dingen verborgen lag.
Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, herauszufinden, wer wir sind, und zugleich erstaunlich viel Zeit damit, uns anzupassen. Das beginnt früh: durch Erwartungen anderer Menschen, durch Rollen, in die wir hineinwachsen, durch Vorstellungen davon, wie man sein sollte, was man erreichen müsste oder was zu einem passen könnte. Vieles davon übernehmen wir bewusst, manches beinahe unbemerkt.
Nicht alles, was wir mit uns tragen, gehört wirklich zu uns. Manche Dinge sitzen so lange an uns fest, dass wir sie irgendwann für einen Teil unserer Persönlichkeit halten. Vielleicht braucht es viele Jahre, um zu erkennen, dass manche Eigenschaften eher Strategien waren, manche Entscheidungen eher Kompromisse und manche Rollen eher Antworten auf äußere Erwartungen als auf innere Überzeugungen.
Mit zunehmendem Alter verändert sich etwas Merkwürdiges. Nicht unbedingt, weil plötzlich alle Antworten da wären – ich habe nicht den Eindruck, dass Menschen irgendwann fertig werden –, sondern weil sich manches leichter ausschließen lässt. Viele Erfahrungen, Umwege, Irrtümer und Entscheidungen führen offenbar nicht nur dazu, dass man mehr über die Welt erfährt, sondern auch mehr über sich selbst.
Ich bemerke jedenfalls, dass ich heute bei vielen Dingen erstaunlich sicher sagen kann: Das bin ich nicht.
Früher hätte ich diese Sicherheit vielleicht als Einschränkung empfunden. Heute fühlt sie sich eher nach Freiheit an. Denn hinter jedem klaren Nein entsteht plötzlich Raum für etwas anderes.
Und dennoch erlebe ich mich gerade jetzt wieder auf einer Suche.
Eigentlich hatte ich gedacht, dieser Teil des Lebens müsste irgendwann einfacher werden. Mit all den Erfahrungen, mit dem Wissen über die eigenen Stärken, Eigenheiten und Grenzen hätte ich erwartet, inzwischen deutlich näher an einem Endpunkt angekommen zu sein. Stattdessen fühlt sich manches überraschend offen an.
Die Suche hat lediglich ihren Charakter verändert. Früher ging es vielleicht um Beruf, Beziehungen oder Lebensentwürfe. Heute scheint es eher um eine andere Frage zu gehen: Welche Teile von mir selbst möchten jetzt mehr Platz bekommen?
Vielleicht empfinde ich diese Suche deshalb manchmal als zäh, weil ich insgeheim glaube, sie längst abgeschlossen haben zu müssen. Vielleicht entsteht daraus aber auch eine unerwartete Freiheit: die Möglichkeit, nicht fertig sein zu müssen.
Je älter ich werde, desto weniger glaube ich daran, dass wir irgendwann endgültig bei uns selbst ankommen. Vielleicht gibt es keinen Moment, an dem plötzlich alles passt und alle Fragen beantwortet sind. Vielleicht geschieht dieses Ankommen viel leiser und langsamer – fast unbemerkt, Schicht für Schicht.
Und vielleicht bedeutet Älterwerden am Ende gar nicht, ein anderer Mensch zu werden. Vielleicht bedeutet es eher, sich allmählich von dem zu lösen, was man nie wirklich war.
Mich beschäftigt die Frage, ob andere das ähnlich erleben: Wird man im Alter tatsächlich mehr man selbst – oder fühlt es sich ganz anders an?




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