Neulich erklärte mir jemand geduldig eine technische Funktion, die ich seit Jahren benutze.
Es war gut gemeint. Freundlich. Hilfsbereit.
Und während ich zuhörte, stellte sich mir eine etwas unhöfliche Frage:
Wer, genau genommen, glaubt ihr eigentlich, hat das Internet großgezogen?

Natürlich nicht ich allein. Aber meine Generation war dabei. Wir saßen davor, als Modems noch Geräusche machten. Wir richteten Mailboxen ein, als viele heutige Internetnutzer noch nicht geboren waren. Wir erlebten die ersten Webseiten, die ersten Suchmaschinen, die ersten Online-Shops und die ersten E-Mails, die man noch für eine technische Sensation hielt.
Wir haben uns über Browserkriege geärgert, abgestürzte Computer reanimiert, Festplatten formatiert, Software installiert und uns durch Fehlermeldungen gekämpft, die vermutlich kein heutiger Benutzer mehr zu Gesicht bekommt. Ich kenne das Gefühl, wenn mich eine Novell-Serverconsole anlächelt und sagt: Please insert system disc.
Kurz gesagt: Wir waren nicht zufällig anwesend. Wir haben die Entwicklung miterlebt und in vielen Fällen mitgestaltet.
Umso merkwürdiger fühlt es sich an, wenn Menschen heute automatisch davon ausgehen, dass technische Kompetenz eine Frage des Geburtsjahres sei.
Irgendwann scheint in den Köpfen vieler Menschen eine unsichtbare Grenze zu entstehen. Jenseits dieser Grenze wird aus jemandem, der jahrzehntelang mit technischen Veränderungen gelebt hat, plötzlich „ein älterer Mensch“. Und mit diesem Etikett verbinden sich offenbar allerlei Annahmen.
Ältere Menschen tun sich schwer mit Technik.
Ältere Menschen mögen keine Veränderungen.
Ältere Menschen brauchen Hilfe bei digitalen Dingen.
Je öfter ich solche Situationen erlebe, desto weniger beschäftigen mich die technischen Aspekte. Interessanter finde ich die Frage, warum wir überhaupt dazu neigen, Menschen aufgrund ihres Alters bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben.
Vielleicht, weil Alter sichtbar ist und Erfahrung nicht.
Niemand kann auf den ersten Blick erkennen, wie viele Programme jemand installiert, wie viele Systeme jemand betreut oder wie viele technische Umbrüche jemand erlebt hat. Das Einzige, was sichtbar ist, sind graue Haare, Falten oder eine Zahl.
Und aus dieser Zahl wird dann eine Geschichte.
Eine Geschichte, die manchmal erstaunlich wenig mit dem tatsächlichen Menschen zu tun hat.
Das Merkwürdige daran ist, dass sich die eigene Erfahrung dadurch nicht verändert. Ich weiß schließlich, was ich gelernt habe, was ich kann und was ich über Jahrzehnte getan habe. Trotzdem erzeugt es eine seltsame Irritation, wenn andere Menschen eine völlig andere Geschichte über einen erzählen.
Vielleicht gehört das zu den überraschenden Erfahrungen des Älterwerdens.
Während man selbst immer genauer weiß, wer man ist, begegnet man immer häufiger Menschen, die glauben, es bereits zu wissen.
Die Technik ist dabei vermutlich nur ein besonders sichtbares Beispiel.
Denn hinter der Frage, ob jemand mit einem Smartphone umgehen kann, verbirgt sich oft eine viel größere Annahme:
Kann dieser Mensch noch lernen? Kann er sich verändern? Kann er mit Neuem umgehen?
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Form der Altersdiskriminierung. Nicht in der Vermutung, jemand könne einen QR-Code nicht scannen. Sondern in der Vorstellung, Neugier, Lernfähigkeit und Veränderungsbereitschaft hätten ein Verfallsdatum.
Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, erscheint mir das zunehmend absurd. Viele der neugierigsten Menschen, die ich kenne, sind längst in einem Alter, in dem die Gesellschaft sie eigentlich schon in die Schublade „nicht mehr zuständig“ einsortiert hat.
Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtiger werden mit unseren Annahmen.
Und vielleicht gelegentlich daran denken, dass die Menschen, denen wir gerade erklären, wie das Internet funktioniert, möglicherweise schon online waren, als wir selbst noch nicht einmal wussten, dass es existiert.




0 Comments