Natürlich hatte ich mich auf den Ruhestand gefreut. Nach vielen Jahren Selbstständigkeit fühlte sich der Gedanke, plötzlich keine Termine, keine Verantwortung und keine ständige Erreichbarkeit mehr zu haben, zunächst fast luxuriös an.
Zum Schluss war manches anstrengend geworden. Nicht einmal unbedingt die Arbeit selbst, sondern eher alles, was sich darum gelegt hatte: Erwartungen, Dauerpräsenz, die seltsame Art von Öffentlichkeit, die soziale Medien mit sich bringen und die „Begegnungen“ dort, die nicht immer besonders freundlich waren.
Die ersten Monate fühlten sich deshalb erstaunlich leicht an. Abschließen. Aufräumen. Die letzten Dinge erledigen. Webseiten umstellen, die Firma abwickeln, Buchaltung abschließen. Es hatte etwas Befriedigendes, einen langen Abschnitt sauber zu Ende zu bringen.
Danach kam etwas, das sich nach Freiheit anfühlte. Reisen, unterwegs sein, neue Eindrücke sammeln. Gerade nach der langen Corona-Zeit hatte das beinahe etwas Überschwängliches.
Und dann geschah etwas Merkwürdiges.

Nicht plötzlich. Eher langsam, fast unmerklich. Eine Art leise Irritation zog ein. Ein Gefühl, dass etwas nicht mehr stimmte, obwohl objektiv alles in Ordnung war.
Da gleichzeitig auch privat eine schwierige Zeit begann, schob ich dieses diffuse Unbehagen zunächst vollständig darauf. Das schien plausibel. Aber irgendwann wurde mir klar, dass diese Erklärung allein nicht ausreichte.
Denn etwas irritierte mich besonders: Dinge, die mich früher fast selbstverständlich getragen hatten, verloren ihre Selbstverständlichkeit. Musik machen. Zeichnen. Kreativ sein.
Nicht, dass sie mir keinen Spaß mehr machten. Es war eher, als hätte jemand den inneren Strom abgeschwächt. Zum ersten Mal stellte sich eine Frage, die mir früher fremd gewesen war: Wozu eigentlich?
Diese Frage überraschte mich. Nicht weil sie philosophisch gewesen wäre, sondern weil sie überhaupt auftauchte. Die Sinnfrage hatte sich mir früher nie gestellt.
Wenn das eigene Psychologiestudium im Lauf des Lebens gelegentlich den fehlenden Zimmermann ersetzt, beginnt man irgendwann automatisch, die eigene Situation nicht nur zu erleben, sondern auch zu betrachten.
Mir war nicht langweilig. Das Wort traf es nicht. Es war eher eine Form von Leere.
Und Leere war für mich etwas Unbekanntes.
Irgendwann entstand eine Arbeitshypothese: Vielleicht rebellierte da etwas in mir, weil ich aufgehört hatte, Bedeutung zu schaffen.
Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger abwegig erschien mir dieser Gedanke. Ich bemerkte nämlich, dass ich mich immer dann besonders lebendig fühlte, wenn etwas Neues entstanden war. Etwas, das vorher noch nicht da gewesen war. Etwas, das meinen eigenen Stempel trug.
Es musste nichts Großes sein. Aber zwischen etwas konsumieren und etwas hervorbringen scheint für mich ein Unterschied zu liegen. Haushalt, Garten, all die kleinen Dinge des Alltags – sie haben ihren Sinn und manchmal sogar etwas Meditatives. Aber sie fühlen sich für mich anders an als die Erfahrung, etwas entstehen zu lassen. Vielleicht geht es dabei weniger um Produktivität als um Selbstausdruck?
Im Berufsleben geschieht das oft ganz nebenbei. Man entwickelt Ideen, löst Probleme, gestaltet Prozesse, schreibt etwas, denkt etwas zu Ende. Man merkt kaum, wie sehr diese Möglichkeiten Teil des eigenen Lebensgefühls geworden sind. Vielleicht fällt erst etwas weg, wenn es plötzlich nicht mehr da ist.
Heute frage ich mich manchmal, ob eine Aufgabe des dritten Lebensalters darin besteht, neue Orte für diesen Selbstausdruck zu finden. Nicht unbedingt etwas Großes. Nicht unbedingt etwas Sichtbares. Aber etwas, das sagt: Ich bin noch da. Und ich denke weiter.
Vielleicht ist die Neugierigweiter.de genau deshalb entstanden.




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