Es gibt eine Erfahrung, über die erstaunlich selten gesprochen wird, obwohl viele Menschen sie kennen.

Man sieht etwas kommen.
Nicht unbedingt eine große Katastrophe, nicht den Untergang der Welt und nicht den Zusammenbruch der Zivilisation, sondern etwas deutlich Kleineres und zugleich sehr Konkretes. Eine Entwicklung in einem Unternehmen. Einen Konflikt in einer Familie. Eine politische Tendenz. Die Folgen einer technischen Entscheidung. Die Dynamik eines Projekts, das sich bereits auf ein absehbares Scheitern zubewegt.
Man beobachtet die Situation, erkennt bestimmte Muster und denkt: Wenn das so weitergeht, wird es genau dort enden.
Man sagt es vorsichtig.
Man formuliert Fragen.
Man äußert Bedenken.
Man versucht zu erklären, was man sieht.
Und erlebt häufig etwas Merkwürdiges.
Die anderen hören zwar zu, aber sie hören nicht wirklich hin. Manche reagieren genervt. Andere erklären die Sorge für übertrieben. Wieder andere halten die Warnung für pessimistisch oder unrealistisch. Mitunter entsteht sogar der Eindruck, als sei nicht die beschriebene Entwicklung das Problem, sondern die Person, die darauf aufmerksam macht.
Einige Monate oder Jahre später tritt dann genau das ein, worauf man hingewiesen hatte.
Wer diese Erfahrung mehrfach gemacht hat, beginnt irgendwann, sich mit einer alten Figur der griechischen Mythologie zu identifizieren: Kassandra.
Kassandra besaß die Gabe, die Zukunft zu sehen. Gleichzeitig war sie dazu verurteilt, dass niemand ihren Warnungen glaubte. Das Tragische ihrer Geschichte liegt nicht in ihrer Fähigkeit zur Erkenntnis, sondern in ihrer völligen Wirkungslosigkeit. Sie sieht klar, was geschieht, und bleibt dennoch machtlos.
Vielleicht erklärt das, warum die Figur bis heute eine solche Anziehungskraft besitzt.
Die meisten Menschen wünschen sich, verstanden zu werden. Deutlich seltener sprechen wir darüber, wie schmerzhaft es sein kann, recht zu behalten.
Denn das Bild, das wir von „recht haben“ besitzen, ist oft erstaunlich naiv. Es suggeriert einen Moment der Bestätigung, eine Art späten Triumph. Die Wirklichkeit fühlt sich häufig anders an.
Wenn die vorhergesagte Entwicklung tatsächlich eintritt, entsteht selten Genugtuung. Stattdessen stellt sich oft ein leises Gefühl von Traurigkeit ein. Die Fehlentscheidung ist getroffen worden. Der Konflikt ist eskaliert. Die Gelegenheit zum Gegensteuern wurde verpasst. Die Tatsache, dass man die Entwicklung vorausgesehen hat, ändert nichts mehr an ihrem Verlauf.
Man hatte recht, aber die Situation ist deshalb nicht besser geworden.
Mit zunehmendem Alter verändert sich der Blick auf solche Erfahrungen.
Vielleicht deshalb, weil viele Menschen irgendwann erkennen, dass Überzeugung und Erkenntnis zwei verschiedene Dinge sind. Etwas zu erkennen bedeutet noch lange nicht, andere davon überzeugen zu können. Menschen treffen Entscheidungen nicht allein auf Grundlage von Informationen. Sie handeln aus Gewohnheiten, Hoffnungen, Loyalitäten, Ängsten und Weltbildern heraus. Manchmal müssen Entwicklungen erst sichtbar werden, bevor sie akzeptiert werden können.
Diese Einsicht kann frustrierend sein.
Sie kann aber auch entlastend wirken.
Denn sie verschiebt die Frage.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr: Wie kann ich alle überzeugen?
Sondern: Wo finde ich Resonanz?
Dieser Gedanke hat mich in den letzten Jahren zunehmend beschäftigt. Vielleicht besteht die eigentliche Tragik der Kassandra nicht darin, dass die Menschen ihre Warnungen ignorieren. Vielleicht besteht sie darin, dass sie vollkommen allein bleibt.
Der Mensch ist kein Wesen, das ausschließlich nach Zustimmung sucht. Aber er braucht gelegentlich die Erfahrung, dass seine Wahrnehmung von anderen geteilt wird. Er braucht Orte, an denen Gedanken aufgenommen, weitergedacht und geprüft werden können. Er braucht Gesprächspartner, die nicht sofort zustimmen müssen, aber bereit sind, sich auf eine Beobachtung einzulassen.
Resonanz bedeutet nicht Einigkeit.
Resonanz bedeutet auch nicht, immer recht zu haben.
Resonanz entsteht dort, wo etwas zurückkommt. Eine Frage. Ein Gedanke. Ein Widerspruch. Eine eigene Beobachtung. Das Gefühl, dass die eigene Wahrnehmung in der Welt nicht spurlos verhallt.
Vielleicht verändert sich deshalb die Aufgabe im dritten Lebensalter.
Während viele jüngere Menschen noch damit beschäftigt sind, Aufmerksamkeit zu gewinnen und andere zu überzeugen, wird die Suche nach Resonanz wichtiger. Nicht jeder Gedanke muss die Mehrheit erreichen. Nicht jede Einsicht muss gesellschaftliche Wirkung entfalten. Nicht jede Beobachtung muss einen Kreis von Hunderten Menschen überzeugen.
Manchmal genügt ein Gespräch.
Manchmal genügt ein Briefwechsel.
Manchmal genügt die Erfahrung, dass ein anderer Mensch sagt: Ja, ich sehe das auch.
Die Figur der Kassandra wird oft als Symbol des Scheiterns verstanden. Vielleicht lässt sie sich aber auch anders lesen.
Nicht als Geschichte über das Nicht-Gehörtwerden.
Sondern als Erinnerung daran, wie wichtig es ist, die Menschen zu finden, die überhaupt zuhören können.
Die Frage ist dann nicht mehr, ob alle zuhören.
Die Frage ist, wo Resonanz möglich wird.




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