Beim Lesen von Sonja Falcks Gedanken zum „High-IQ Relational Styles Framework“ hatte ich plötzlich das Gefühl, etwas zu sehen, das sich auf überraschende Weise ordnete. Nicht weil ein Modell die Welt erklärt hätte, sondern weil manchmal eine Skizze genügt, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, die vorher eher als diffuses Unbehagen vorhanden waren.
Falck beschreibt zwei Achsen: die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken, und die Erfahrung, von anderen angenommen zu werden. Dort, wo beides zusammenkommt, beschreibt sie einen Zustand des Gelingens, den sie „Thriving“ nennt. Dort kann jemand die eigene Art zu denken, wahrzunehmen und sich zu zeigen leben, ohne sie dauernd verstecken, verkleinern oder verteidigen zu müssen.

Mich beschäftigte beim Lesen allerdings weniger die Frage nach hoher Intelligenz als die Frage nach dem Älterwerden.
Denn plötzlich fragte ich mich, ob sich die Landkarte im dritten Lebensalter verändert.
Viele Menschen verlieren mit dem Ende des Berufslebens nicht nur Aufgaben, Termine oder Verantwortlichkeiten. Möglicherweise verlieren sie auch etwas, das lange fast unbemerkt vorhanden war: Orte des Selbstausdrucks.
Im Beruf konnte man Probleme lösen, Gedanken entwickeln, diskutieren, erklären oder komplexe Zusammenhänge durchdenken. Man hatte Kolleginnen und Kollegen, Projektpartner, Menschen, die ähnliche Themen bewegten. Nicht jede Begegnung war tief oder inspirierend, aber es gab Reibung, Resonanz und Gelegenheiten, etwas von sich selbst sichtbar werden zu lassen.
Vielleicht merkt man erst dann, dass all dies mehr war als Arbeit.
Wenn diese Räume kleiner werden, geschieht etwas Merkwürdiges. Das eigene Denken verschwindet nicht. Neugier verschwindet nicht. Interessen verschwinden nicht. Aber die Orte, an denen sie sich entfalten konnten, werden seltener.
Dann könnte eine eigentümliche Gefahr entstehen.
Nicht unbedingt Einsamkeit im gewöhnlichen Sinn. Menschen können von anderen umgeben sein und trotzdem das Gefühl haben, dass etwas Wesentliches keinen Platz mehr findet.
Falcks Modell enthält einen Bereich, den sie „Despairing“ nennt: wenig Selbstausdruck und geringe Akzeptanz. Dahinter steht nicht einfach Traurigkeit, sondern eher eine Form des Rückzugs – eine Bewegung, in der Menschen beginnen, Möglichkeiten in sich selbst stillzulegen oder sich zunehmend zurückzuhalten.
Vielleicht sieht das im Alltag gar nicht dramatisch aus.
Vielleicht zeigt es sich eher in Sätzen wie:
„Ach, das interessiert sonst niemand.“
Oder:
„Das ist zu speziell.“
Oder:
„Ich will niemanden damit langweilen.“
Und vielleicht sagt man solche Sätze so oft, dass sie irgendwann selbstverständlich klingen.
Mich beschäftigt deshalb eine andere Frage: Was braucht ein Mensch im dritten Lebensalter, damit die eigene Art zu denken lebendig bleibt?
Vielleicht braucht es gar nicht viele Menschen.
Vielleicht braucht es auch keine Bühne.
Aber vielleicht braucht es Orte, an denen man nicht dauerhaft übersetzen muss. Menschen, bei denen Gedankensprünge nicht irritieren. Gespräche, in denen Neugier nicht als Merkwürdigkeit erscheint, sondern als gemeinsame Sprache.
Vielleicht besteht eine Aufgabe des Älterwerdens nicht nur darin, loszulassen.
Vielleicht besteht ein Teil davon auch darin, neue Räume für Selbstausdruck und Zugehörigkeit zu finden.




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