Wenn Lernen allein nicht satt macht

Drittes Lebensalter, Resonanz

Ich habe immer gern gelernt und mich deshalb sehr darauf gefreut, im Ruhestand endlich mehr Zeit dafür zu haben. Die Vorstellung schien fast ideal: keine beruflichen Verpflichtungen mehr, keine permanenten Termine und plötzlich Raum für all die Dinge, die während der Selbständigkeit oft zwischen anderen Aufgaben verschwanden. Sprachen lernen, Musik machen, zeichnen, lesen – all das wartete gewissermaßen schon geduldig auf mich.

Ich begann entsprechend motiviert und stellte nach einiger Zeit mit wachsender Irritation fest, dass etwas nicht mehr funktionierte wie früher.

Nicht, dass die Neugier verschwunden wäre. Im Gegenteil. Die Lust auf neue Themen, neue Zusammenhänge und neue Ideen war immer noch da. Und doch musste ich mich plötzlich zum Üben zwingen. Diese Erfahrung war mir fremd. Als Kind galt bei uns die Regel, dass ich mit dem Üben meines Instruments erst beginnen durfte, wenn alle anderen bereits aufgestanden waren, weil ich offenbar dazu neigte, etwas zu früh und etwas zu begeistert loszulegen. Lernen war für mich lange keine Aufgabe gewesen, sondern eher ein natürlicher Zustand.

Jetzt fühlte sich manches merkwürdig schwer an.

Es war zunächst nicht einmal Frustration, sondern eher eine stille Irritation. Warum fühlten sich Dinge, auf die ich mich so gefreut hatte, plötzlich erstaunlich leer an? Warum schien etwas, das mir mein Leben lang Energie gegeben hatte, auf einmal weniger Kraft zu besitzen?

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr entstand der Eindruck, dass nicht das Lernen selbst das Problem war. Vielleicht fehlte etwas anderes, etwas, das lange so selbstverständlich vorhanden gewesen war, dass ich es kaum bemerkt hatte.

Im Berufsleben begann Lernen selten mit dem Wunsch, einfach etwas Neues zu wissen. Meist stand am Anfang eine konkrete Frage, ein Problem oder eine Aufgabe, die noch keine Lösung hatte. Es gab diese harte Nuss, an der man sich gedanklich festbeißen konnte, manchmal tagelang, manchmal noch länger. Erst dann begann das eigentliche Lernen, und irgendwann entstand aus vielen kleinen Schritten eine Lösung. Dieses Gefühl, wenn plötzlich etwas funktionierte, war nicht einfach nur angenehm. Es hatte etwas Eigenartiges von Stimmigkeit.

Im Ruhestand fehlte plötzlich oft genau dieser Ausgangspunkt. Das Lernen war noch da, aber die Frage davor fehlte manchmal. Neue Informationen kamen hinzu, neue Ideen tauchten auf, aber sie fanden keinen Ort mehr, an dem sie andocken konnten.

Hinzu kam noch etwas anderes, das mir zunächst ebenfalls nicht bewusst war. Über viele Jahre hatte ich mich beinahe täglich als wirksam erlebt. Probleme hatten Konsequenzen, Entscheidungen führten zu sichtbaren Ergebnissen, und Lösungen veränderten etwas – manchmal für Kunden, manchmal für Projekte, manchmal einfach für den weiteren Verlauf eines Tages. Zwischen Denken und Wirkung lag selten viel Zeit.

Plötzlich geschah vieles nur noch im eigenen Kopf.

Vielleicht unterschätzt man, wie wichtig die Erfahrung ist, nicht nur zu denken, sondern auch zu erleben, dass das eigene Denken etwas in Bewegung setzt.

Und noch etwas veränderte sich fast unbemerkt: die Resonanz. Während meiner Selbständigkeit stand ich ständig im Austausch mit Menschen. Funktioniert eine Idee? Wird etwas verstanden? Ist ein Gedanke zu einfach oder zu kompliziert? Muss etwas verändert werden?

Erst als diese Gespräche seltener wurden, fiel mir auf, dass Denken für mich offenbar nie etwas völlig Solitäres gewesen war. Gedanken entstehen zwar im eigenen Kopf, aber sie entwickeln sich oft erst im Kontakt mit anderen Menschen weiter.

Irgendwann begann ich deshalb, meine Situation selbst als eine Art Fragestellung zu betrachten. Wenn mich die Erfahrung des Übergangs ins dritte Lebensalter beschäftigte, warum sollte genau das nicht die harte Nuss sein, an der ich mich festbeißen konnte?

Ich begann zu lesen, zu recherchieren und Zusammenhänge zu suchen. Aus Gedanken wurden Fragen, aus Fragen wurden Texte, und plötzlich fühlte sich Lernen wieder anders an. Nicht weil ich nun Antworten gefunden hätte, sondern weil etwas zurückkehrte, das ich offenbar vermisst hatte: Sinn, Widerstand und die Erfahrung, mit dem eigenen Denken etwas anfangen zu können.

Vielleicht lerne ich deshalb heute nicht mehr einfach nur, um etwas Neues zu wissen.

Vielleicht lerne ich, um weiter im Gespräch zu bleiben – zunächst mit mir selbst und hoffentlich irgendwann auch mit anderen.

Über die Autorin

Silke Hupka interessiert sich seit vielen Jahren für die Schnittstellen zwischen Mensch, Lernen und Denken. In Neugierig weiter sammelt sie Gedanken, Fragen und Beobachtungen über eine Lebensphase, in der Termine weniger werden – die Neugier aber nicht. Neugierig, mehr über die Autorin zu erfahren? Hier, bitte!

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Wenn Ihnen beim Lesen ein Gedanke gekommen ist oder Sie etwas wiedererkannt haben, freue ich mich darüber. Nicht auf schnelle Antworten – eher auf Gedanken, Erfahrungen oder Fragen.

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Der Beruf geht. Das Hirn bleibt.

Irgendwann endet das Berufsleben.

Termine verschwinden aus dem Kalender. Projekte werden abgeschlossen. E-Mails bleiben aus. Niemand wartet mehr auf Entscheidungen, Konzepte oder Lösungen.

Man könnte meinen, jetzt würde Ruhe einkehren.

Aber manche Dinge halten sich nicht an Zeitpläne.

Das Hirn zum Beispiel.

Es stellt weiterhin Fragen. Verknüpft Gedanken. Beginnt beim Frühstück mit einer kleinen Beobachtung und landet Stunden später bei einem völlig anderen Thema. Es sucht Zusammenhänge, verliert sich in Ideen, entdeckt neue Interessen und beschäftigt sich mit Dingen, die vielleicht nie einen praktischen Nutzen haben werden.

Dieses Blog ist für Menschen, die feststellen, dass mit dem Ruhestand zwar ein Beruf endet – aber nicht die Neugier.

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