Ich habe viele Jahre geglaubt, dass Widerstand ein Gegner sei.
Nicht unbedingt, weil ich besonders ehrgeizig gewesen wäre, sondern weil ich über die Jahre immer wieder auf dieselbe Botschaft gestoßen bin: Wenn etwas wichtig ist, wird es schwer. Wenn etwas schwer wird, taucht Widerstand auf. Und wenn Widerstand auftaucht, muss man lernen, ihn zu überwinden.
Steven Pressfield hat diesem Phänomen in seinem Buch The War of Art einen Namen gegeben: Resistance. Jene innere Kraft, die uns davon abhält, das Werk zu tun, das wir eigentlich tun sollten. Je wichtiger die Aufgabe, desto stärker der Widerstand. Die Schlussfolgerung liegt nahe: Wer Widerstand spürt, ist vermutlich auf dem richtigen Weg.

Lange Zeit erschien mir das plausibel.
Doch irgendwann begann ich mich zu fragen, ob diese Sichtweise vielleicht nur die Hälfte der Geschichte erzählt.
Denn was passiert, wenn der Widerstand nicht verschwindet? Nicht nach Tagen, nicht nach Monaten und manchmal nicht einmal nach Jahren? Was, wenn ein Ziel zwar vernünftig erscheint, gesellschaftlich anerkannt ist und auf dem Papier hervorragend zu den eigenen Fähigkeiten passt, sich aber trotzdem anfühlt wie ein Schuh, der nie ganz richtig sitzt?
Gerade nach dem Ende des Berufslebens verändert sich die Bedeutung solcher Fragen. Während Arbeit oft von äußeren Notwendigkeiten geprägt ist, entsteht später eine ungewohnte Freiheit. Plötzlich muss nicht mehr alles effizient sein. Nicht jedes Projekt muss Einkommen erzeugen. Nicht jede Tätigkeit muss einen Karrierepfad eröffnen. Und genau deshalb wird eine Beobachtung interessant, die im Berufsleben leicht übersehen werden kann:
Manche Formen von Widerstand sind keine Hindernisse auf dem Weg zu einem passenden Ziel. Sie sind Hinweise darauf, dass das Ziel selbst nicht passt.
Rückblickend erkenne ich, wie viel Energie ich darauf verwendet habe, gegen bestimmte Widerstände anzukämpfen. Ich wollte Projekte verfolgen, die objektiv sinnvoll erschienen. Ich wollte Wege beschreiten, die andere erfolgreich gegangen waren. Ich wollte manchmal sogar Menschen nacheifern, deren Ergebnisse ich bewunderte.
Was ich dabei übersah: Ich bewunderte oft das Ergebnis, aber nicht den Weg dorthin.
Ich mochte die Vorstellung, eine große Reichweite zu haben, aber nicht die permanente Sichtbarkeit. Ich mochte die Vorstellung einer lebendigen Community, aber nicht die tägliche Betreuung. Ich mochte die Vorstellung erfolgreicher Kurse, aber nicht die Rolle, die dafür notwendig gewesen wäre. Immer wieder versuchte ich, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich nur etwas disziplinierter, mutiger oder beharrlicher sein müsste.
Doch vielleicht war das eigentliche Problem ein anderes.
Vielleicht versuchte ein Teil von mir nicht, mich vom Erfolg abzuhalten. Vielleicht versuchte er mich vor einem Leben zu bewahren, das zwar beeindruckend aussah, aber nicht zu mir passte.
Damit möchte ich nicht behaupten, dass jeder Widerstand ein Warnsignal ist. Natürlich gibt es die Angst vor Neuem. Natürlich gibt es Bequemlichkeit. Natürlich gibt es Situationen, in denen Wachstum gerade deshalb entsteht, weil wir uns durch Unsicherheit hindurchbewegen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Widerstand vorhanden ist.
Die entscheidende Frage lautet, welche Art von Widerstand wir erleben.
Es gibt einen Widerstand, der von Lebendigkeit begleitet wird. Man hat Respekt vor einer Aufgabe, vielleicht sogar Angst, aber gleichzeitig spürt man Neugier. Etwas zieht einen an. Die Vorstellung, das Projekt aufzugeben, erzeugt Bedauern. Man kämpft, aber man kämpft für etwas.
Und es gibt einen anderen Widerstand. Einen stilleren, zäheren Widerstand. Man schiebt Aufgaben vor sich her, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Die Motivation muss ständig künstlich erzeugt werden. Jeder Fortschritt fühlt sich schwer an. Nicht weil die Aufgabe schwierig wäre, sondern weil sie innerlich leer bleibt. Selbst Erfolge verändern daran wenig.
Vielleicht liegt der Unterschied darin, dass beim ersten Widerstand Resonanz vorhanden ist und beim zweiten nicht.
Hartmut Rosa beschreibt Resonanz als eine Beziehung zur Welt, in der beide Seiten einander berühren und verändern. Die Welt antwortet. Etwas beginnt zu schwingen. Man bleibt nicht derselbe wie zuvor.
Wenn ich auf die Projekte zurückblicke, die mir wirklich wichtig geworden sind, dann waren sie selten frei von Widerstand. Aber sie waren voller Resonanz. Gedanken ließen mich nicht los. Fragen tauchten immer wieder auf. Neue Ideen entstanden fast von selbst. Schwierigkeiten waren vorhanden, aber sie wirkten nicht sinnlos.
Dort, wo Resonanz fehlte, war die Situation anders. Ich musste mich antreiben. Ich musste mich überzeugen. Ich musste gegen mich selbst argumentieren. Die Energie floss nicht in das Projekt, sondern in den Versuch, das Projekt überhaupt aufrechtzuerhalten.
Vielleicht besteht die Kunst des dritten Lebensalters deshalb nicht darin, jeden Widerstand zu überwinden.
Vielleicht besteht sie darin, genauer hinzuhören.
Nicht jeder Widerstand ist ein Feind. Manche sind Lehrer. Manche sind Wegweiser. Manche sind die Stimme eines Teils von uns, der längst erkannt hat, dass ein bestimmter Weg nicht in die falsche Richtung führt, sondern lediglich zu einem Leben, das einem anderen Menschen besser stehen würde.
Die Frage lautet dann nicht mehr: „Wie besiege ich die Resistance?“
Sondern vielleicht:
„Was versucht sie mir zu erzählen?“
Und noch wichtiger:
„Wo spüre ich trotz aller Schwierigkeiten Resonanz?“
Denn möglicherweise liegt dort nicht der einfachste Weg. Aber vielleicht der eigene.




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