Vor einigen Jahren erzählte Eckart von Hirschhausen die Geschichte eines Pinguins, der glaubt, mit ihm stimme etwas nicht.

An Land wirkt er unbeholfen. Er watschelt, stolpert und scheint für vieles denkbar ungeeignet zu sein. Erst als er ins Wasser springt, verändert sich plötzlich alles. Was eben noch schwerfällig und merkwürdig aussah, wird leicht, schnell und beinahe elegant.
Die Geschichte ist einfach, vielleicht gerade deshalb bleibt sie hängen.
Lange Zeit habe ich sie als eine Geschichte über Begabungen verstanden. Jeder Mensch hat offenbar etwas, das ihm liegt, und manchmal muss man nur den richtigen Ort dafür finden.
Inzwischen frage ich mich, ob sie noch etwas anderes erzählt.
Vielleicht verbringen viele Menschen einen großen Teil ihres Lebens in Umgebungen, die ihnen eine Art natürlichen Lebensraum geben, ohne dass sie es überhaupt bemerken. Im Beruf entstehen Aufgaben, Gespräche, Probleme, Herausforderungen und Begegnungen, die selbstverständlich wirken, solange sie vorhanden sind. Man denkt, organisiert, entwickelt, erklärt, löst und gestaltet, und all das wird irgendwann so alltäglich, dass man kaum noch wahrnimmt, wie sehr diese Dinge Teil des eigenen Lebensgefühls geworden sind.
Vielleicht glauben wir deshalb manchmal, dass wir bestimmte Eigenschaften einfach sind.
Ich bin kreativ.
Ich bin neugierig.
Ich bin belastbar.
Ich kann komplex denken.
Aber vielleicht entstehen manche dieser Erfahrungen nicht nur aus uns selbst, sondern auch aus dem Zusammenspiel mit einer Umgebung, die ihnen Raum gibt.
Wenn sich im dritten Lebensalter vieles verändert, verschwinden manchmal nicht nur Termine und Aufgaben. Es verschwinden auch bestimmte Resonanzräume. Das eigene Denken bleibt, die Interessen bleiben, die Neugier bleibt – und trotzdem fühlt sich manches plötzlich merkwürdig schwer an.
Vielleicht erlebt man sich dann für eine Weile wie ein Pinguin an Land.
Man versucht weiterzugehen wie bisher und wundert sich, warum etwas nicht mehr funktioniert. Warum Dinge anstrengender geworden sind. Warum etwas von der früheren Selbstverständlichkeit fehlt.
Die naheliegende Vermutung lautet dann oft: Mit mir stimmt etwas nicht.
Aber vielleicht lautet die eigentliche Frage anders.
Vielleicht müsste sie nicht heißen:
Was ist mit mir passiert?
Sondern:
Wo ist eigentlich mein Wasser geblieben?
Vielleicht besteht eine Aufgabe des Älterwerdens nicht nur darin, Abschied zu nehmen von dem, was war. Vielleicht geht es auch darum, neue Orte zu finden, an denen etwas in uns wieder leicht werden darf.




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