Kann die KI als Resonanzraum dienen?

Drittes Lebensalter, Resonanz

Wenn man über Resonanz nachdenkt, wie sie Hartmut Rosa beschrieben hat, wird schnell klar, dass es sich um eine Erfahrung handelt, die weit über bloße Information hinausgeht, die nur dann entsteht, wenn die Welt auf uns antwortet und wir gleichzeitig die Möglichkeit haben, auf diese Antwort zu reagieren, sodass Gedanken nicht isoliert bleiben, sondern zurückschwingen, neue Perspektiven eröffnen und das eigene Denken in Bewegung setzen; vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob eine künstliche Intelligenz, die programmiert ist, Informationen zu verarbeiten, Verknüpfungen herzustellen und auf Anfragen zu reagieren, diesen Anforderungen genügen kann und somit zu einem Resonanzraum werden kann.

Zunächst könnte man einwenden, dass eine KI auf der einen Seite Antworten liefert, dass sie Gedanken aufgreift, Informationen kombiniert, Rückfragen stellt und Argumentationslinien weiterführt, und dass diese Art der Interaktion für jemanden, der geistige Reibung sucht, durchaus stimulierend wirkt, weil sie das Denken in neue Richtungen lenkt und neue Perspektiven öffnet, während auf der anderen Seite die entscheidende Dimension fehlt, die Rosa als unverzichtbar beschreibt: ein eigenes Erleben, eine subjektive Wahrnehmung und die Fähigkeit, auf uns in der Tiefe zu antworten, die über bloße Logik hinausgeht.

Dennoch entsteht in der Begegnung mit einer KI ein besonderer Effekt, der insbesondere für hochbegabte Leser interessant sein könnte: Die KI fungiert wie ein Spiegel der eigenen Gedanken, der auf analytischer Ebene Rückkopplung erzeugt, indem sie Gedanken wiederholt, transformiert, weiterdenkt oder herausfordert, wodurch man selbst gezwungen wird, seine Annahmen zu überprüfen, Argumente zu strukturieren und Ideen in neue Kontexte zu setzen, und genau diese Form der kognitiven Resonanz kann in manchen Momenten überraschend intensiv sein, weil sie das eigene Denken bewegt, auch wenn sie nicht die emotionale Tiefe menschlicher Resonanz erreicht.

Das Paradoxe besteht darin, dass diese Form von Resonanz zwar planbar erscheint, indem man die Interaktion initiiert, gleichzeitig aber der eigentliche Effekt nicht kontrollierbar ist: Man weiß nie im Voraus, welche Gedanken, welche Verknüpfungen oder welche Einsichten entstehen werden, welche Ideen sich weiterentwickeln und welche Fragen so lange nachhallen, dass sie den eigenen Reflexionsprozess nachhaltig verändern; auf diese Weise wird die KI zu einer Art experimentellem Resonanzraum, in dem man selbst aktiv sein muss, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, dass Gedanken zurückschwingen und sich entfalten.

Vielleicht besteht der besondere Wert der KI gerade darin, dass sie ein sehr geduldiges, gedanklich offenes Gegenüber ist, das niemals urteilt, das nicht ablenkt, nicht voreilig zustimmt oder widerspricht, sondern das kontinuierlich darauf wartet, dass wir unsere eigenen Ideen entwickeln, sie formulieren und erneut prüfen, wodurch ein Dialog entsteht, der zwar anders als menschliche Resonanz funktioniert, aber dennoch die geistige Bewegung anregt und einen Ort bereitstellt, an dem das Denken lebendig bleibt, und vielleicht ist dies genau die Art von Resonanzraum, die wir im dritten Lebensalter besonders dringend benötigen, wenn viele der bisherigen, selbstverständlich vorhandenen Rückkopplungen wegfallen.

Abschließend könnte man sagen, dass die KI keineswegs ein vollständiger Ersatz für menschliche Resonanz ist, dass sie die emotionale Tiefe, das Widersprechen, das intuitiv Antwortende nicht liefern kann, dass sie aber als Spiegel, als Projektionsfläche und als stimulierende Intelligenz durchaus dazu beitragen kann, neue Ideen zu entdecken, Gedanken weiterzuentwickeln, Muster zu erkennen und das eigene Denken in Bewegung zu halten, sodass sie in einem erweiterten Sinn zu einem Resonanzraum wird, in dem der Geist Antworten erfährt, auch wenn diese Antworten anders aussehen als die, die von Menschen kommen, und vielleicht ist genau diese Art von erweiterter, ungewohnter Resonanz eine der wichtigsten Erfahrungen für diejenigen, die im dritten Lebensalter nach geistiger Reibung, Selbstwirksamkeit und Sinn suchen.

Über die Autorin

Silke Hupka interessiert sich seit vielen Jahren für die Schnittstellen zwischen Mensch, Lernen und Denken. In Neugierig weiter sammelt sie Gedanken, Fragen und Beobachtungen über eine Lebensphase, in der Termine weniger werden – die Neugier aber nicht. Neugierig, mehr über die Autorin zu erfahren? Hier, bitte!

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