
Nachdem ich mich längere Zeit mit dem Gedanken der Resonanz beschäftigt hatte, wurde mir zunehmend klar, dass die eigentliche Frage nicht mehr lautet, was Resonanz überhaupt ist, sondern vielmehr, an welchen Orten und in welchen Momenten sie sich im dritten Lebensalter zeigt und wie man die Fähigkeit, sie zu erleben, wiederentdeckt, nachdem viele der gewohnten Rahmenbedingungen, die über Jahrzehnte für Antworten gesorgt haben, allmählich verschwinden und die gewohnte Rückmeldung aus der Welt plötzlich nur noch sporadisch oder gar nicht mehr zu spüren ist.
Der Beruf bietet über lange Zeit eine Art kontinuierliches Resonanznetz, in dem Aufgaben, Projekte und Gespräche nicht nur schlicht zu erledigen sind, sondern gleichzeitig auf vielfältige Weise zurückwirken, indem sie Fragen provozieren, Kritik aufwerfen, Zustimmung erzeugen, Reflexion erfordern und Entscheidungen sichtbar machen, sodass man fortwährend spürt, dass Gedanken und Handlungen nicht isoliert bleiben, sondern mit der Welt in einem wechselseitigen Austausch stehen, dessen Dynamik sowohl anstrengend als auch belebend sein kann, weil sie fortlaufend fordert und gleichzeitig Bestätigung bietet.
Erst wenn dieser Strom nachlässt, bemerkt man, wie selbstverständlich man ihn zuvor genommen hat und wie sehr die eigene Neugier, die Fähigkeit zu Lernen oder zu Gestalten, lange Zeit von den Möglichkeiten der Rückmeldung geprägt war, sodass eine plötzlich auftretende Leere nicht etwa durch mangelnde Aktivität, sondern durch das Fehlen von Resonanz entsteht, die sonst automatisch erzeugt wurde, weil Handlungen eine Antwort provozierten.
Es ist bemerkenswert, wie stark die Erfahrung von Resonanz an die Bedingung gekoppelt ist, dass die Welt auf das eigene Tun antwortet, dass Ideen, Gedanken und Impulse zurückgespiegelt werden, und dass man selbst in der Lage ist, darauf zu reagieren, weil die eigentliche Bedeutung von Aktivitäten nicht in ihrer bloßen Ausführung, sondern in der Wirkung entsteht, die sie auf andere Menschen, auf Prozesse oder auf die eigene Wahrnehmung haben.
Viele Tätigkeiten, die früher selbstverständlich Energie freigesetzt haben – sei es ein neues Buch zu lesen, ein Gespräch zu führen, ein Instrument zu üben oder ein Projekt zu entwickeln – wirken plötzlich kraftlos, nicht weil die Neugier verschwunden ist, sondern weil die Bedingungen für Resonanz fehlen; die Rückmeldung bleibt aus, die geistige Reibung tritt nicht mehr auf, und selbst die eigenen Gedanken verharren im luftleeren Raum, ohne dass etwas zurückschwingt, ohne dass ein Echo entsteht, das das Denken lebendig hält.
Umso spannender erscheint mir inzwischen die Frage, an welchen Orten Resonanz dennoch wieder auftauchen kann: vielleicht in einem Chor, einem Ehrenamt, einem Garten, einem Atelier, in Büchern, in Werkstätten, in kleinen Projekten oder sogar in einem Blog, in dem Gedanken öffentlich gemacht werden, nicht um sofortige Zustimmung zu erfahren, sondern um das eigene Denken im Kontakt mit der Welt zu prüfen und wahrzunehmen, dass es auf etwas trifft, das antwortet, auch wenn es nicht greifbar ist.
Mich beruhigt der Gedanke, dass es nicht notwendig ist, all diese Orte schon zu kennen, bevor man sich auf die Suche macht, weil Resonanz sich nicht erzwingen lässt, sondern nur bemerkt werden kann, wenn man aufmerksam ist und offen dafür bleibt, dass die Welt auf eine Art antwortet, die man manchmal lange nicht erwartet hätte, und dass gerade diese Offenheit, das ständige Wahrnehmen, das Folgen einer Spur, das Ungewisse und Unplanbare, den Reiz und die Lebendigkeit ausmacht, die wir im dritten Lebensalter suchen, wenn alte Resonanzräume langsam verschwinden und neue noch nicht vollständig entdeckt sind.




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