Als ich mir den Ruhestand vorgestellt habe, dachte ich zunächst an etwas ziemlich Einfaches: weniger Termine, weniger Verpflichtungen, mehr Freiheit.
Mehr Zeit.
Und tatsächlich verschwanden viele Dinge erstaunlich schnell. Keine Projektpläne mehr. Keine Besprechungen. Keine E-Mails, die morgens schon darauf warteten, beantwortet zu werden. Kein Druck. Kein Kalender, der entschied, wie mein Tag aussehen würde.
Eigentlich genau das, worauf viele Menschen sich freuen.
Und ich habe mich auch gefreut.
Aber nach einer Weile bemerkte ich etwas Merkwürdiges.
Es war nicht die Arbeit, die mir fehlte.
Ich vermisste nicht den Wecker. Nicht die Meetings. Nicht die endlosen Abstimmungen und schon gar nicht die E-Mail-Flut.
Was mir fehlte, war etwas anderes.
Ich begann zu verstehen, dass ich möglicherweise nicht die Arbeit vermisste, sondern etwas, das Arbeit oft ganz nebenbei geliefert hatte:
Geistige Reibung.
Im Beruf gab es ständig etwas, woran das Denken sich festhalten konnte. Probleme, die gelöst werden wollten. Menschen mit anderen Perspektiven. Komplexe Zusammenhänge. Unerwartete Fragen. Neue Anforderungen.
Es gab Widerstand.
Und Widerstand hat eine merkwürdige Eigenschaft: Er erzeugt Bewegung.
Gedanken mussten sich sortieren. Ideen mussten überprüft werden. Etwas funktionierte nicht und zwang dazu, anders zu denken.
Im Rückblick frage ich mich, ob ich mich über viele Jahre nicht daran gewöhnt hatte, in einem ständigen Strom geistiger Anregungen zu leben.
Vielleicht hielt ich das sogar für selbstverständlich.
Bis es plötzlich weg war.
Freiheit klingt zunächst nach einem Gewinn.
Aber Freiheit bedeutet auch: Niemand stellt mehr die schwierigen Fragen.
Niemand legt einem ein Problem auf den Tisch.
Niemand sagt:
„Darüber müssten wir einmal nachdenken.“
Plötzlich muss man sich seine geistige Reibung selbst organisieren.
Und das ist schwieriger, als ich gedacht hätte.
Denn es geht nicht darum, beschäftigt zu sein.
Es geht auch nicht darum, den Kalender wieder künstlich zu füllen.
Es geht um etwas anderes.
Um Resonanz.
Um die Erfahrung, dass Gedanken auf etwas treffen, das antwortet.
Vielleicht erklärt das auch, warum manche Menschen nach dem Berufsleben beginnen, etwas völlig Neues zu lernen. Warum sie Bücher verschlingen, Projekte beginnen, Fragen verfolgen oder sich plötzlich für Themen interessieren, die vorher keine Rolle gespielt haben.
Vielleicht suchen sie nicht Beschäftigung.
Vielleicht suchen sie Reibung.
Ich weiß inzwischen: Ich habe meine Arbeit nicht einfach nur als Arbeit erlebt.
Sie war über viele Jahre auch ein Denkraum.
Und vielleicht besteht die Aufgabe jetzt nicht darin, diesen Raum zurückzubekommen.
Sondern einen neuen zu finden.
Oder zu schaffen.




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